Jeder Vierte in Deutschland wird berufsunfähig. Doch wer glaubt, für den Fall der Fälle gut abgesichert zu sein, erlebt mitunter eine herbe Enttäuschung. Einige Versicherer ziehen alle Register, um nicht leisten zu müssen. Zu den gesundheitlichen Problemen kommen ganz existenzielle Sorgen.

Ein Schlag an seiner Arbeitsstelle hat Rainer Müller aus dem Leben katapultiert. Es war ein Angriff, der ihn völlig unerwartet traf, als der Fallmanager in einem Jobcenter in Nordrhein-Westfalen einer Kollegin im Nachbarbüro zur Seite stehen wollte, die von einem Mann lautstark bedroht wurde. Doch dazu kam es nicht, denn der Mann sprang den damals 47-jährigen Helfer an, nahm ihn den Schwitzkasten  und schlug seinen Kopf mehrfach gegen einen Aktenschrank. Nur mit Mühe konnte Müller sich befreien. Er kam mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus, und schon dort wurde schnell klar, dass der Überfall auf der Dienststelle nicht nur seinen Kopf erschüttert hatte, sondern vor allem seine Seele.

Erst Monate später konnte der Familienvater in sein Büro zurückkehren, um wieder zu arbeiten. Als kurze Zeit später erneut die Polizei im Jobcenter anrücken musste, wurde Müller vollends aus der Bahn geworfen. „Posttraumatische Belastungsstörung“ lautete eine Diagnose, Panikstörung eine andere. Eine Depression schloss sich an und auch der vor Jahren verschwundene Tinnitus meldete sich wieder. Arztbesuche, psychologische Behandlung und ein Aufenthalt in einer Spezialklinik folgten – doch eines wurde Müller immer klarer: In seinem Beruf würde der Berater wohl nicht wieder arbeiten können.

Der nächste Schlag traf Müller, als er den Brief seiner Berufsunfähigkeitsversicherung öffnete: Im guten Glauben, dass die Nürnberger Versicherung (Werbeslogan: „Schutz im Zeichen der Burg“) ihm beistehen würde, erlebte der psychisch schwer angeschlagene Mann das für ihn Unfassbare: Die Versicherung lehnte die Zahlung der vereinbarten Rente ab – und mehr noch: Für sie ist Müller gar nicht berufsunfähig, sondern einer, der sich die Leistung erschleichen will, der Ärzte und Gutachter belogen und seinen Gesundheitszustand schlimmer gemacht haben soll, als dieser eigentlich ist.

Was Müller bis dahin nicht weiß: Er ist kein Einzelfall. Von „strategischer Leistungsverweigerung“ spricht gar der unabhängige Erlangener Versicherungsmakler, Gerhard Pscherer, der bundesweit als gefragter Referent auf Versicherungstagungen und Messen unterwegs ist. Er glaubt weder an Einzel- noch an Zufälle: „Hier läuft im großen Stil eine riesengroße Schweinerei gegen schwer kranke Menschen“, sagt er. Verwunderlich sei dies letztlich nicht, denn die oft günstig gerechneten Prämien, könnten sich im Leistungsfall anders kaum korrigieren lassen.

Die Kriterien für die harsche Kritik sind nicht an harten Fakten festzumachen, denn letztlich gehe es gar nicht nur um die Nicht-Zahlung von Versicherern, so Pscherer, sondern um „Verzögern, Hinhalten und Zermübung der Versicherten“. Durch „scheibchenweises Anfordern“ der notwendigen Unterlagen werde das Verfahren häufig in die Länge gezogen, stellt auch die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in ihrem Ratgeber zur Berufsunfähigkeit fest. „Den Leuten geht schlicht und ergreifend die Luft und das Geld aus, um sich mit ihrer Versicherung zu streiten“, fasst Rechtsanwalt Frank Vormbaum aus dem nordrheinwestfälischen Werne zusammen, der sich auf Berufsunfähigkeitsfälle spezialisiert hat.

Die Versicherer halten dagegen: 70 Prozent aller Anträge auf eine Berufsunfähigkeitsleistung werden laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) von den Versicherern anerkannt. Kein Versicherer könne es sich leisten, seine Kunden im Regen stehen zu lassen, sagt Norbert Rollinger, Vorsitzender des GDV-Hauptausschusses Schaden- und Unfallversicherung. Würden Versicherer systematisch berechtigte Ansprüche verzögern oder gar abweisen, liefen ihnen die Kunden davon, ist er überzeugt.

Bleiben allerdings 30 Prozent der Leistungsanträge, die durchaus strittig sind: Nach der GDV-Statistik liegt in elf Prozent der Fälle gar kein Leistungsanspruch vor und in sieben Prozent lehnt die Versicherung die Zahlung wegen der „Verletzung vorvertraglicher Anzeigepflicht“ ab. Bei rund 42.000 Versicherten, die ihre Ansprüche jedes Jahr geltend machen, wie das Analysehaus Morgen & Morgen festgestellt hat, sind das einige tausend Einzelschicksale jedes Jahr, die trotz sicher geglaubter Berufsunfähigkeitsrente im Ernstfall ohne Geld dastehen.

Weitere elf Prozent der Leistungsanträge können nicht zu Ende geprüft werden, da die Versicherten sich dieser Statistik zufolge nicht mehr melden. Woran das liegt, können die Versicherer nicht erklären. Für die berufsunfähige Pädagogin Hanne Sauer allerdings ist das klar: „Ich weiß gar nicht, was ich jetzt mit der Ablehnung der Versicherung anfangen soll“, sagt die 51-Jährige, die an schweren Depressionen leidet. „Ich kann mich nicht gut konzentrieren und habe nur mit Mühe verstanden, dass ich keine Rente von meiner Versicherung bekomme.“ Die Hilflosigkeit lähmt sie. Holt sich Sauer keine sachkundige Hilfe, wird ihr Leistungsanspruch ebenso im Sande verlaufen, wie der von offenbar vielen anderen auch.

Die Berufsunfähigkeit grundsätzlich anzuzweifeln, sei für viele Versicherungen der erste Schritt auf einem langen Weg, sagt die Hamburger Rechtsanwältin Isolde Bock. Ärztliche Befunde oder Krankenhausberichte würden grundsätzlich angezweifelt, hat auch Rainer Müllers Anwalt, der Bielefelder Fachanwalt für Medizin- und Arbeitsrecht, Hartmut Geil, festgestellt. „Die Versicherung lässt ein Gutachten von einem von ihr bestellten Gutachter anfertigen, und das kommt dann häufig zu dem Schluss, dass der Betroffene gar nicht zu 50 Prozent berufsunfähig ist“, sagt Geil. Seine Erfahrung: „Die Versicherer schalten oft die gleichen Gutachter ein und die kommen dann schon zu einem Befund im Sinne des Versicherungsunternehmens.“

Parteiische Gutachten? Das ist ein Vorwurf, der zwar im Raum steht, doch dazu sagt GDV-Sprecherin Simone Schuchert: „Wir weisen diesen Vorwurf nachdrücklich zurück. Allein schon die Regeln des Berufsstandes verbieten es, Gutachten nach einer Meinung zu schreiben.“ Neutralität sei oberstes Gebot. „Versicherer suchen keinen Grund, sich aus der Leistung herauszureden“, betont Schuchert. „Die Versicherer prüfen, ob tatsächlich ein Leistungsfall vorliegt, wenn das der Fall ist, leisten sie.“ Dies bestreiten auch Anwälte nicht. „Aber man muss schon sehen, dass es Gutachter-Institute gibt, die von den Aufträgen der Versicherer sehr gut leben“, sagt der Fachanwalt für Versicherungsrecht, Frank Vormbaum. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.“

Viereinhalb Jahre nach dem Vorfall im Jobcenter, diverse Schriftsätze und Begutachtungen später, müssen Richter nun in Rainer Müllers Fall darüber urteilen, ob der Versicherer doch noch zahlen muss. „So ein Gutachterstreit zieht sich immer jahrelang hin“, sagt Rechtsanwalt Geil und hofft nun darauf, „dass der gerichtliche Gutachter wirklich neutral ist, nachdem das Gutachten der Versicherung Müller vorgeworfen hat, seine Krankheit quasi nur zu simulieren.

Auch privat in Auftrag gegebene Gutachten könnten dazu beitragen, vor Gericht zu seinem Recht zu kommen. Das zumindest ist die Erfahrung des Memminger unabhängigen Versicherungs- und Rentenberaters, Frank Begas. „Sonst steht der Berufsunfähige schnell als Lügner da“, sagt er. „Wenn zwei Gutachten vorliegen, dann kann sich der vom Gericht bestellte Gutachter nicht mehr so schnell dem der Versicherung anschließen.“ Der Pferdefuß an der Sache: Ein medizinisches Gutachten kostet je nach Umfang und Aufwand zwischen 1500 und 2000 Euro.

Dass es jedoch auch zu erheblichen Problemen mit der Versicherung kommen kann, wenn völlig unbestritten eine Berufsunfähigkeit vorliegt, hat Lars Heimerke am eigenen Leib erfahren. Seit mehr als zwei Jahren wartet der heute 42-Jährige auf Leistungen aus seiner Berufsunfähigkeitsversicherung. Doch die werden nicht kommen, denn die Versicherung behauptet, Heimerke habe sie arglistig getäuscht und bereits vor Vertragsabschluss wissentlich falsche Angaben über seinen Gesundheitszustand gemacht. Deshalb hat – auch in diesem Fall – die Nürnberger Versicherung den bestehenden Vertrag einseitig aufgekündigt. Am 24. Dezember 2011 ließ die Versicherung den Brief mit der Ablehnung zustellen. Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk für den kranken Maschinenbauingenieur, das er inzwischen nur für den ersten Schritt der Zermürbungstaktik seiner Versicherung hält.

Eine Parkinson-Erkrankung hat Heimerke 2009 einen Strich durch die Lebensplanung gemacht hat. Der einst passionierte Mountainbiker kann inzwischen kaum mehr die Füße heben. Seinen Beruf als Maschinenbauer für einen Eisenbahn-Konstrukteur musste er aufgeben, die Feinmotorik ist ihm abhandengekommen. Der 42-Jährige kann nicht einmal mehr eine Computermaus bedienen, geschweige denn feine Zeichnungen anfertigen, seine Konzentrationsfähigkeit hat durch die Nervenkrankheit gelitten und alles, worüber gesunde Menschen gar nicht nachdenken, fällt ihm heute schwer: gehen, essen, rasieren – nichts geht mehr. Er bekommt eine volle Erwerbsminderungsrente, die ihm bescheinigt: Nicht einmal mehr drei Stunden täglich kann der noch junge Mann irgendeiner Erwerbstätigkeit nachgehen.

Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente macht allerdings seit der Rentenreform 2001 nur noch einen Bruchteil des Nettogehaltes aus für alle, die nach dem 1. Januar 1961 geboren wurden – bei Männern durchschnittlich 662 Euro, bei Frauen 607 Euro. Heimerke jedoch hatte gut vorgesorgt und gleich mehrere Berufsunfähigkeitsversicherungen abgeschlossen. „Die Hannoversche Leben und die Allianz zahlen auch anstandslos“, sagt er. „Nur die Nürnberger Versicherung stellt sich quer, dabei habe ich bei allen drei Versicherungen die gleichen Gesundheitsangaben vor Vertragsschluss gemacht.“ Verstehen kann er das alles nicht.

Während bei der Hannoverschen Leben und der Allianz nur kleinere Rentenbeträge versichert wurden, hat Heimerke bei der Nürnberger einen Vertrag über 1500 Euro monatlicher Rente abgeschlossen. Es lässt sich leicht ausrechnen, wie teuer es die Versicherung käme, müsste sie Heimerke, der mit 40 berufsunfähig wurde, 27 Jahre lang bis zum Eintritt ins Rentenalter mit 67 diese Summe zahlen: 486.000 Euro würden bis dahin fällig.

Wenn es um solche Summen ginge, würden manche Versicherer hellhörig, sagt der unabhängige Versicherungsmakler Pscherer. Er hat sich in der Branche zum Teil unbeliebt gemacht mit seiner deutlichen Kritik daran, dass Versicherungsunternehmen ihre Leistungsprüfung und  -abwicklung an externe Firmen auslagern. „Einige Versicherer zeigen sich stolz über ihren sehr guten Risikoverlauf“, sagt Pscherer. „Dabei verweisen sie auch auf ihre Außenregulierung, durch die es praktisch nie zu Streitfällen komme.“

Beweisbar ist auch hier nicht, dass es dadurch zu mehr abgelehnten Leistungsfällen kommt. Bei der Assekuranz Service- und Sachverständigengesellschaft beispielsweise, die Versicherer häufig einschalten, heißt es auf der Internetseite lediglich, das Unternehmen in Sundern, Tochter mehrerer Rückversicherer, sei „Garant für eine sachkundige Informationsbereitstellung“. Berufskundliche Sachverhalte würden durch Experten umfassend analysiert und medizinische Daten durch Fachärzte bewertet. Ein legitimes Vorgehen der Versicherer, zumal diese sich im Kleingedruckten mit der Unterschrift des Versicherten die Erlaubnis dafür einholen.

Ob die Leistungsverzögerung System hat oder nicht und ob es sich tatsächlich um eine „strategische Leistungsverweigerung“ handelt, wie Versicherungsexperte Pscherer dies formuliert – klar ist, dass es in der Branche rumort. „Es gibt viele gute Versicherer, die prüfen zügig und zahlen schnell“, sagt ein Versicherungsmakler, der seinen Namen lieber nicht lesen will. „Aber seitdem ich weiß, dass die Leistungsabwicklung an Firmen ausgelagert wird, die damit werben, dass sie quasi jedem Kunden eine vorvertragliche Anzeigepflichtsverletzung nachweisen, bin ich vorsichtig geworden.“ Sein Anwalt habe ihm geraten, seine Kunden zu informieren. „Als Makler habe ich die Informationspflicht, meine Kunden auf die Vorgehensweise hinzuweisen“, sagt er. Und damit sei er nicht der einzige. Besonders auffällig in ihrem Ablehnungsverhalten sei in der Branche die Nürnberger Versicherung geworden. Bislang habe der Makler, wie viele andere auch, gern Versicherungen der Nürnberger verkauft – eben weil das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmte. Doch jetzt hat er sie aus seinem Portfolio gestrichen. In Zweidrittel aller Ernstfälle, deren Vertrag er vermittelt habe, habe die Versicherung sich auf „arglistige Täuschung“ bei der vorvertraglichen Anzeigepflicht zurückgezogen. „Das kann ich nicht verantworten“, sagt der Makler. „Ich habe einen Ruf zu verlieren.“

Die Nürnberger Versicherung selbst gibt sich einsilbig. Der Eindruck der Leistungsunwilligkeit „deckt sich nicht mit den Fakten“, heißt es dort. Was die Fakten allerdings sind, bleibt relativ offen. 120 Millionen Euro seien im Jahr 2012 für Berufsunfähigkeitsrenten ausgezahlt worden bei einem Bestand von 1,2 Millionen so genannten BU-Verträgen. Doch Zahlen, wie viele Anträge auf Leistungen aus Berufsunfähigkeitsversicherungen tatsächlich eingehen und Leistungsquoten, nennt der Versicherer nicht.

„Man kann schon sagen, dass sich die Versicherer häufig erst einmal sträuben, wenn es für sie teuer wird“, sagt die Hamburger Rechtsanwältin Isolde Bock.  „Wenn es keine Zweifel an der Berufsunfähigkeit geben kann, dann ist die arglistige Täuschung für die Versicherer das Lieblingsargument.“ Bis zu zehn Jahre nach Vertragsabschluss  kann einem Versicherten eine eventuelle „arglistige Täuschung“ in der „vorvertraglichen Anzeigepflicht“ zum Verhängnis werden. Versicherer, Verbraucherschützer und Versicherungsmakler werden deshalb unisono nicht müde zu predigen: Geben Sie vor Vertragsabschluss alle Vorerkrankungen an.

Doch so einfach, wie das klingt, ist es oft nicht, denn es geht um Vorerkrankungen der vorangegangenen fünf oder sogar zehn Jahre. „Das kann man nicht mal so eben am Kaffeetisch erledigen“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. „Das ist eine langwierige Sache.“ Doch selbst wer sich einer langwierigen Prozedur unterzieht und nach bestem Wissen alles angibt, was relevant werden könnte, ist nicht davor gefeit, doch noch der arglistigen Täuschung beschuldigt zu werden. Die Versicherung gehe bei Vertragsschluss davon aus, „dass uns der Kunde korrekt und umfassend über seine Gesundheitsverhältnisse informiert“, teilt die Nürnberger Versicherung auf Anfrage mit. Geprüft werden diese Angaben erst dann, wenn der Leistungsfall eintritt. „Und dann wühlen die Versicherer in der Vergangenheit“, sagt Anwältin Bock. Auch bei Lars Heimerke war dies der Fall: Der Versicherer fand einige Arztbesuche zehn Jahre vor Versicherungsbeginn, als der damals 23-jährige Heimerke seinen Arzt wegen Magenschmerzen aufsuchte. Der Arzt tat das dem jungen Mann gegenüber, der im Stress von seinen Studienarbeiten war, als nervösen Magen ab und riet, ein pflanzliches Mittel einzunehmen. In seiner Akte notierte er jedoch „Reizmagen“ – wovon Heimerke, damals noch Kassenpatient, nichts wusste.

Den „nervösen Magen“ hatte er beim Ausfüllen der Versicherungspapiere auch schon vergessen – zu lange habe das zurückgelegen, meint er, und „richtig krank war ich ja nicht“. Zudem seien die Gesundheitsfragen „schwammig formuliert“ gewesen, wie Heimerke das ausdrückt, „wie soll man da wissen, was wichtig ist?“ Nach der Reform des Versicherungsvertragsgesetzes 2008 sind viele Versicherer dazu übergegangen, die Gesundheitsfragen genauer zu formulieren und detaillierter Vorerkrankungen abzufragen. Das hätte dem jungen Mann vielleicht geholfen, seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen.

Der an Parkinson erkrankte Heimerke jedenfalls sei sich keiner Boshaftigkeit bei Vertragsschluss bewusst gewesen, betont er. Er habe sich keine Leistung erschleichen, sondern eine für ihn existenziell notwendige Versicherung abschließen wollen. So wie Müller vom Vorwurf des Simulierens und Lügens sich menschlich verletzt fühlte, so traf den geradlinigen Heimerke der Vorwurf der Arglist auch auf einer menschlichen Ebene. Er wendete sich an den Versicherungsombudsmann, dem jedes Jahr einige hundert Fälle aus Berufsunfähigkeitsversicherungen vorgelegt werden. Doch die Beschwerde blieb erfolglos, denn der Ombudsmann kann keine Beweise erheben und hätte nach Aktenlage entscheiden müssen. Das ist schwer möglich beim Vorwurf der „arglistigen Täuschung“. Heimerke bleibt jetzt nur noch der Gang vor Gericht, doch allmählich geht ihm die Puste aus – gesundheitlich und auch finanziell. „Das ist genau das, worauf die Versicherung spielt“, ist er überzeugt. „Die warten darauf, dass man aufgibt oder eben stirbt.“

Zu beweisen sind derartige Anschuldigungen gegenüber den Versicherern nicht. Die Zahl der Beschwerden gegenüber dem Ombudsmann und auch bei der Versicherungsaufsicht Bafin ist 2012 gesunken. Und obwohl in den vergangenen fünf Jahren die Zahl der Leistungsfälle um 20 Prozent gestiegen sind und es in rund 30 Prozent aller Leistungsfälle Probleme mit den Anträgen gibt, ist die Prozessquote in Berufsunfähigkeitsstreitigkeiten niedrig. Vor Gericht landen nur zwei Prozent der strittigen Fälle.

Doch ein Prozess ist nicht zuletzt eine Frage des Geldes. Nicht umsonst empfehlen die Verbraucherzentralen inzwischen bei Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung auch gleichzeitig eine Rechtsschutzpolice zu erwerben. Denn die Streitwerte, um die es bei einem Berufsunfähigkeitsprozess geht, haben es in sich: Angesetzt wird das 3,5-Fache einer Jahresleistung. Bei einer monatlichen Versicherungssumme von 1500 Euro sind das schon 63.000 Euro. Geht der Prozess verloren, werden mit Gerichts- und Anwaltskosten rund 10.000 Euro fällig. „Das kann sich kaum jemand leisten in dieser Situation“, sagt Rechtsanwältin Bock. Und das Risiko, als Versicherungsnehmer vor Gericht zu verlieren, ist nicht gering. Laut GDV gehen die Prozesse nur in 15 Prozent aller Fälle zu Ungunsten des Versicherers aus.

50 Prozent der strittigen Fälle landen demnach in einem Vergleich. Das bedeutet für den Versicherten: Die Kosten seines Anwalts und die Hälfte der Gerichtskosten muss er tragen. Das sind dann, ohne auf die volle Versicherungsleistung zählen zu können, immer noch mehrere tausend Euro, die der Berufsunfähige aufbringen muss. „Es gibt viele Versicherer, die massiv auf Vergleiche bauen“, sagt der Memminger Versicherungsberaters  Begas. Vergleiche berechnen sich aus Barwerten, Restlaufzeiten, Sterbe- und Reaktivierungswahrscheinlichkeiten. „Die Zahlen, mit denen da gerechnet wird, sind oft nicht realistisch, da muss man in den Vergleichsverhandlungen genau hinsehen“, betont der Berater. Ein Prozentpunkt mehr oder weniger mache in der Abfindungssumme schnell ein paar zehntausend Euro aus. „Oft ist ein Abfindungsvergleich auch schlichtweg deswegen nicht geeignet, weil der Versicherte mit der Vergleichssumme seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten kann“, sagt Begas. Versicherungsexperte Pscherer geht noch einen Schritt weiter: Für ihn gehört auch ein solcher Vergleich, häufig auch „Individualvereinbarung“ genannt, zur „strategischen Leistungsverweigerung“ von Versicherungen. „Das Einsparpotenzial für die Versicherung ist riesig, denn der Betrag, der über eine Individualvereinbarung ausgezahlt wird, ist verschwindend gering“, betont Pscherer.

Viele Versicherte stimmen dennoch einem solchen Vergleich zu. Kein Wunder, wenn das Prozessrisiko hoch ist und die finanziellen Dimensionen so gut wie unüberschaubar sind. „Viele Versicherer nutzen das Wissengefälle aus“, sagt  Versicherungsberater Begas. „Für sie ist es ein Erfolg, wenn nicht die volle Leistung erbracht werden muss.“ Für die Versicherten ist ein Vergleich der sprichwörtliche Spatz in der Hand. Dazu kommt der gesundheitliche Faktor. „Oftmals sind die Berufsunfähigen auch zu krank, um überhaupt einen Prozess führen zu können“, sagt Rechtsanwältin Bock. „Viele wollen einfach nur noch ihre Ruhe haben, da ist dann auch seelisch und geistig einfach die Luft raus.“

So geht es auch Renate Fischer, die sogar nach jahrelangen Zahlungen noch Ärger mit ihrem Versicherer bekommen hat. Vor 17 Jahren wurde sie durch einen Unfall mit schwersten Kopfverletzungen berufsunfähig. 15 Jahre lang hat ihre Versicherung, HDI Gerling, eine Berufsunfähigkeitsrente gezahlt, rund 2000 Euro pro Monat, denn als Unternehmensberaterin hat Fischer einst gut verdient. 2011 war dann Schluss mit der Zahlung, denn laut Versicherer soll die heute 59-Jährige wieder berufstätig sein – und das in den USA, wo sie inzwischen bei ihrem Sohn lebt. Wegen „fehlender Mitwirkung“ sei die Zahlung eingestellt worden, berichtet sie.

Doch Fischer kann gar nicht arbeiten. Sie könne sich nicht einmal selbst versorgen, weshalb sie bei ihrem Sohn lebe, sagt sie. Eine eidesstattliche Erklärung habe der Versicherer nicht zur Kenntnis genommen. „Stattdessen hat er eine Abfindung von 25.000 Euro angeboten, um den Vertrag loszuwerden“, bestätigt Fischers Anwalt, Frank Vormbaum. „Es ist schon interessant, wie Versicherungen auch nach Jahren noch nach Mitteln suchen, um teure Verträge loszuwerden.“

Fischers Fall hat der Fachanwalt für Versicherungsrecht gern übernommen, um den Prozess zu führen – gegen ein Erfolgshonorar. Wenn Fischer gegen den Versicherer gewinnt, bekommt er Geld, andernfalls gar nichts. Seiner Mandantin war das wichtig, weil sie sich den Prozess sonst nicht leisten kann. Für ihn ist der Fall klar. Und: „Wenn es mehr Anwälte gäbe, die auf dieser Basis arbeiteten, würden sich wohl mehr Berufsunfähige trauen, zu klagen“, sagt Vormbaum im Hinblick auf die niedrigen Prozessquoten. „Denn letztendlich hilft gegen die Versicherer nur eines: Druck.“

 

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